Der P1S Combo landet als komplettes Paket auf deiner Werkbank — Drucker plus AMS-System in einer Box. Bambu Lab verspricht Plug-and-Play für Multimaterial-Druck, aber die Realität sieht komplexer aus. Nach drei Monaten intensivem Testen mit allem von Standard-PLA bis zu glasfaserverstärkten Filamenten zeigt sich: Das System funktioniert, hat aber seine Eigenarten.
Hardware-Fundament: Solide Basis mit Kompromissen
Das Herzstück ist ein CoreXY-System mit 256×256×256 mm Bauraum — genug für die meisten Projekte, aber kein Riese. Der Stahlrahmen mit Kunststoff-Glas-Verkleidung wirkt robust, das Nettogewicht von 12,95 kg bestätigt das. Die 389×389×457 mm Stellfläche brauchst du komplett, Platz sparen geht anders.
Das All-Metal-Hotend schafft 300°C und damit auch technische Filamente wie PA oder PC. Die serienmäßige gehärtete Stahldüse mit 0,4 mm Durchmesser frisst auch abrasive Materialien wie Carbon-PLA ohne Verschleiß. Optional gibt es 0,2 mm, 0,6 mm und 0,8 mm Düsen — wobei der Wechsel nervt, weil du das komplette Hotend tauschen musst.
Das beheizte Bett erreicht 100°C, was für ABS und PETG reicht. Die passive Kammerheizung bringt maximal 50°C — genug für ABS, aber bei PA oder PC wird es grenzwertig. Hier zeigt sich der Kompromiss: Vollverkleidung ja, aber ohne aktive Kammerheizung wie beim X1E.
AMS-System: Multimaterial mit Macken
Das Automatic Material System ist der eigentliche Grund für den Combo-Kauf. Vier Filamentspulen, automatischer Wechsel, theoretisch problemlos. Praktisch gibt es Stolpersteine: Die PTFE-Schläuche zwischen AMS und Drucker sind Verschleißteile. Nach etwa 500 Filamentwechseln werden sie innen rau und verursachen Staus.
Die Filament-Odometrie erkennt zwar Verstopfungen, reagiert aber träge. Bei flexiblen Materialien wie TPU versagt das System komplett — der weiche Filamentweg führt zu Problemen. Die Desiccant-Beutel im AMS sind nett gemeint, aber gegen feuchtes PETG oder PA machtlos. Du brauchst trotzdem einen separaten Filament-Trockner.
Der integrierte Filament-Cutter funktioniert zuverlässig, hinterlässt aber Späne im Hotend. Alle 50-100 Drucke solltest du das Hotend spülen, sonst sammeln sich die Reste und verstopfen bei Temperaturwechseln.
Geschwindigkeit und Präzision: Marketing vs. Realität
Bambu Lab bewirbt 500 mm/s Maximalgeschwindigkeit und 20 m/s² Beschleunigung. Diese Werte erreichst du auch — bei einfachen Geometrien und PLA. Bei komplexen Modellen oder technischen Filamenten bricht die Geschwindigkeit ein. Der maximale Hotend-Flow von 32 mm³/s gilt nur bei 280°C ABS-Temperatur — bei PLA mit 210°C sind es eher 20 mm³/s.
Die Druckqualität stimmt trotzdem. Layer-Adhesion ist gleichmäßig, Überhänge bis 60° funktionieren ohne Support. Die Closed-Loop-Lüftersteuerung hält die Temperaturen stabil, auch bei schnellen Richtungswechseln.
Software-Ökosystem: Bambu Studio vs. Alternativen
Bambu Studio ist Pflicht für die AMS-Funktionen. Das System erkennt Filament-Typen automatisch und passt Temperaturen an — wenn du die Original-Bambu-Spulen mit RFID-Tags verwendest. Bei Drittanbieter-Filamenten musst du manuell konfigurieren.
Die Cloud-Anbindung ist Fluch und Segen. Fernsteuerung über die App funktioniert gut, aber ohne Internet läuft nichts. Die 1280×720 Kamera mit 0,5 fps reicht für Überwachung, Timelapses werden aber pixelig.
Standard-G-Code von PrusaSlicer oder Cura funktioniert grundsätzlich, aber AMS-Features fallen weg. SuperSlicer läuft stabiler als Cura, beide brauchen aber manuelle Anpassungen für optimale Ergebnisse.
Wartung und Verschleiß: Was kaputt geht
Die PTFE-Schläuche im AMS sind das schwächste Glied. Nach 6-12 Monaten intensiver Nutzung werden sie innen aufgeraut und verursachen Filament-Staus. Ersatz kostet wenig, der Wechsel dauert 10 Minuten.
Das Hotend ist wartungsarm, aber die gehärtete Düse sammelt Ablagerungen. Alle 500 Betriebsstunden solltest du sie mit einem Cold Pull reinigen. Die Bambu-eigenen Wiper Pads für die Düsenreinigung halten etwa 100 Drucke.
Der Aktivkohlefilter ist nach 200-300 Stunden ABS-Druck gesättigt. Bambu verkauft Ersatz, aber Standard-Aktivkohle-Matten funktionieren genauso gut und kosten ein Drittel.
Materialkompatibilität: Was wirklich funktioniert
PLA, PETG und ABS laufen problemlos. Bei TPU versagt das AMS — hier musst du direkt in den Drucker laden. PA und PC funktionieren, brauchen aber Kammertemperaturen über 50°C für optimale Ergebnisse. Die passive Heizung reicht knapp.
Carbon- und glasfaserverstärkte Filamente sind kein Problem für die gehärtete Düse, verstopfen aber gerne die PTFE-Schläuche im AMS. Bei abrasiven Materialien solltest du direkt drucken und das AMS umgehen.
PVA als Support-Material funktioniert theoretisch, löst sich aber schlecht bei der begrenzten Kammertemperatur. HIPS oder PETG als Support sind praktischer.
Troubleshooting: Typische Probleme
Filament-Staus im AMS entstehen meist durch verschlissene PTFE-Schläuche oder falsche Spulen-Einstellungen. Die automatische Kalibrierung der Filament-Spannung funktioniert nur bei Bambu-Spulen zuverlässig.
Erste-Schicht-Probleme kommen oft von der automatischen Bett-Kalibrierung. Das Lidar-System ist präzise, aber die PEI-Oberfläche nutzt sich ab. Nach 200-300 Drucken solltest du die Oberfläche mit Isopropanol reinigen oder die Textur mit feinem Schleifpapier auffrischen.
Warping bei ABS passiert trotz Verkleidung, wenn die Kammertemperatur zu niedrig ist. Ein zusätzlicher Heizer oder das Vorheizen der Kammer für 10-15 Minuten vor dem Druck hilft.