Moin Leute. Ihr habt euren Drucker, ihr habt euer Filament, die ersten Drucke laufen. Aber dann passiert es: Nach ein paar Wochen knackt und knistert euer PLA beim Drucken, die Oberflächen werden rau, PETG zieht plötzlich Fäden wie verrückt. Was ist passiert? Euer Filament hat Feuchtigkeit gezogen. Und das ist das häufigste Problem, das Anfänger NICHT auf dem Schirm haben. In diesem Guide erklären wir euch, warum das passiert, wie ihr es erkennt und wie ihr euer Filament richtig lagert und trocknet.
Warum Filament Feuchtigkeit zieht: Die Wissenschaft dahinter
Die meisten 3D-Druck-Filamente sind hygroskopisch. Das bedeutet, sie ziehen aktiv Wassermoleküle aus der Umgebungsluft und lagern sie in der Kunststoff-Struktur ein. Das ist kein Oberflächenproblem, das Wasser sitzt im Material selbst.
Wie stark verschiedene Materialien Feuchtigkeit aufnehmen:
- Nylon (PA): Der absolute Champion im Wasser-Aufsaugen. Bis zu 8-10% seines Eigengewichts. Eine 1-kg-Spule kann nach ein paar Tagen offen an der Luft bis zu 100 Gramm Wasser enthalten. Ohne Trocknung quasi undruckbar. - TPU: Stark hygroskopisch (ca. 1-4%). Wird bei Feuchtigkeit extrem blasig und die Oberfläche sieht aus wie Kreppband. - PETG: Mittelmäßig hygroskopisch (ca. 0,5-1,5%). Nach 2-3 Wochen offen zeigt es deutliche Symptome. - ABS/ASA: Leicht hygroskopisch (ca. 0,3-0,8%). Weniger empfindlich, aber trotzdem spürbar nach Wochen. - PLA: Am wenigsten empfindlich (ca. 0,3-0,5%). Hält sich wochenlang akzeptabel, aber nach 2-3 Monaten offen wird auch PLA zum Problem. Langzeitlagerung ohne Schutz degradiert das Material zusätzlich durch Hydrolyse (langsamer chemischer Zerfall).
Warum ist Feuchtigkeit im Filament so schlimm? Wenn das feuchte Filament durch das Hotend (200-260°C) geschoben wird, verdampft das eingelagerte Wasser schlagartig. Bei diesen Temperaturen wird Wasser sofort zu Dampf, und der Dampf erzeugt Blasen im geschmolzenen Kunststoff. Diese Blasen ruinieren euren Druck auf mehreren Ebenen:
1. Blasen im extrudierten Faden: Die Schichten verschmelzen nicht mehr sauber miteinander. Die Zwischenschicht-Haftung sinkt dramatisch. 2. Unregelmäßige Extrusion: Mal kommt viel, mal wenig Material. Das Ergebnis sind sichtbare Unebenheiten in der Oberfläche. 3. Stringing: Feuchtes Filament stringt deutlich mehr, weil der Dampfdruck Material aus der Düse drückt, selbst während der Retraction. 4. Schwächere Teile: Die Blasen sind Schwachstellen. Mechanisch belastete Teile brechen an diesen Stellen zuerst.
Woran erkennt ihr feuchtes Filament?
Bevor ihr etwas trocknet, müsst ihr erstmal wissen, ob euer Filament überhaupt ein Feuchtigkeitsproblem hat. Hier die eindeutigen Zeichen:
Beim Drucken: - Knacken und Knistern: DAS Hauptsymptom. Wenn ihr beim Drucken leise Knack- oder Poppgeräusche hört, sind das Wasserdampfblasen die im Hotend platzen. Bei starker Feuchtigkeit klingt das wie Mini-Popcorn. - Dampf/Rauch aus der Düse: Nicht der normale leichte Dampf, sondern sichtbarer Wasserdampf der aus der Düsenspitze steigt. - Ungleichmäßige Extrusion: Der extrudierte Faden ist mal dünn, mal dick, obwohl eure Einstellungen stimmen.
Am fertigen Druck: - Raue, matte Oberfläche: Statt glatter Schichten bekommt ihr eine raue, fast sandpapierartige Textur. Besonders bei PETG sehr auffällig. - Übermäßiges Stringing: Fäden überall, obwohl Retraction und Temperatur eigentlich stimmen. - Schlechte Schichthaftung: Schichten lösen sich beim Biegen oder Belastung voneinander (Delamination). - Blasen im Faden: Haltet einen extrudierten Faden gegen das Licht. Kleine Bläschen im Material = Feuchtigkeit.
Am Filament selbst: - Sprödes PLA: PLA das beim Biegen sofort bricht statt sich etwas zu biegen, hat zu viel Feuchtigkeit über Zeit aufgenommen. Achtung: Ab einem gewissen Punkt ist PLA durch Hydrolyse dauerhaft geschädigt und auch Trocknen hilft nicht mehr. - Verfärbung: Manche Filamente, besonders Nylon, verfärben sich leicht wenn sie zu viel Feuchtigkeit aufgenommen haben.
DIY-Lagerung: Vakuumbeutel und Silica-Gel
Die gute Nachricht: Ihr braucht kein teures Equipment um euer Filament trocken zu halten. Die einfachste und günstigste Lösung ist gleichzeitig eine der besten.
Die Vakuumbeutel-Methode:
Vakuumbeutel sind die effektivste passive Lagermethode. Ihr legt die Spule in einen Vakuumbeutel, werft ein paar Silica-Gel-Beutel dazu und saugt die Luft raus. Fertig. Das Filament bleibt monatelang trocken.
Geeignete Vakuumbeutel bekommt ihr speziell für Filament-Spulen, zum Beispiel die 3DJAKE Vakuumbeutel für Filament. Die haben die richtige Größe für Standard-Spulen und ein Ventil zum Absaugen.
Was ihr braucht: - Vakuumbeutel (passend für 1kg-Spulen) - Silica-Gel mit Feuchtigkeitsindikator (orange = trocken, grün/transparent = gesättigt) - Optional: Kleiner Handstaubsauger oder Vakuumpumpe zum Absaugen
Wichtig beim Silica-Gel: Die Beutelchen, die beim Filament-Kauf mitgeliefert werden, sind nach dem Öffnen der Verpackung meistens schon gesättigt. Kauft euch einen Vorrat an frischem Silica-Gel mit Indikator. Gesättigtes Silica-Gel könnt ihr im Backofen regenerieren: 2-3 Stunden bei 120°C, bis der Indikator wieder orange ist. Immer wieder verwendbar.
Die IKEA-Box-Methode (Drybox):
Eine beliebte DIY-Lösung aus der Maker-Community: Nehmt eine luftdichte IKEA SAMLA Box (22 Liter, ca. 5 Euro), bohrt ein kleines Loch in den Deckel für den Filament-Durchlauf und legt 200-300g Silica-Gel auf den Boden. Die Spule sitzt in der Box, das Filament wird durch die Durchführung direkt zum Drucker geführt. So druckt ihr quasi aus einer Drybox heraus.
Die Profi-Variante: Statt einem einfachen Loch nehmt ihr eine PTFE-Schlauch-Durchführung (PC4-M6 Fitting + kurzes PTFE-Rohr). Kostet 3 Euro, dichtet besser ab und führt das Filament sauber zum Extruder.
Was diese DIY-Methoden NICHT können: Feuchtes Filament trocknen. Vakuumbeutel und Dryboxen halten trockenes Filament trocken, aber sie entziehen dem Material keine bereits aufgenommene Feuchtigkeit. Dafür braucht ihr einen Filament-Trockner oder einen normalen Backofen.
Filament trocknen: Backofen vs. Filament-Dryer
Wenn euer Filament bereits Feuchtigkeit aufgenommen hat, müsst ihr es aktiv trocknen. Dafür gibt es zwei Wege:
Methode 1: Der Backofen (kostenlos, aber riskant)
Ja, ihr könnt Filament im normalen Küchenbackofen trocknen. Aber Vorsicht:
- Der Backofen muss die eingestellte Temperatur GENAU halten. Die meisten Backöfen schwanken um ±10-15°C. Bei PLA (Glasübergangstemperatur ca. 60°C) kann das fatal sein. Wenn der Ofen zwischendurch auf 70°C hochschießt, verformt sich eure Spule zu einem unbrauchbaren Klumpen. - Benutzt ein Backofenthermometer (5 Euro), nicht die Anzeige am Ofen. Die ist meistens ungenau. - Legt die Spule auf ein Backgitter, NICHT auf ein Blech. Die Luft muss zirkulieren können.
Trocknungstemperaturen und -zeiten:
| Material | Temperatur | Zeit | Anmerkung | |----------|-----------|------|-----------| | PLA | 45-50°C | 4-6 Stunden | NIEMALS über 55°C! | | PETG | 60-65°C | 4-6 Stunden | Unkritischer als PLA | | ABS/ASA | 75-80°C | 4-6 Stunden | Braucht mehr Hitze | | TPU | 50-55°C | 4-8 Stunden | Lange trocknen, niedrige Temp | | Nylon (PA) | 70-80°C | 8-12 Stunden | Am längsten, braucht am meisten | | PC | 80-85°C | 6-8 Stunden | Nur mit All-Metal-Hotend-Drucker relevant |
Methode 2: Filament-Dryer (sicher und bequem)
Ein Filament-Dryer ist im Grunde ein kleiner Backofen speziell für Filament-Spulen. Der Vorteil: Die Temperatur wird elektronisch präzise geregelt (±2°C statt ±15°C beim Backofen), er hat eine Durchführung für den Filament-Ausgang und ihr könnt während des Trocknens direkt aus dem Dryer drucken.
| Produkt | Typ | Preis | Highlight |
|---|---|---|---|
| Polymaker PolyDryer Box | Aktiv-Trockner | 34,99 EUR | Filament-Trockner |
| Creality Filament Trockenbox 2.0 | Aktiv-Trockner | 49,99 EUR | Filament-Trockner |
| SUNLU Aufbewahrungsbox-Set für FilaDryer SP2 - 1 Set | Aktiv-Trockner | 74,99 EUR | Filament-Trockner |
Worauf ihr beim Kauf achtet:
- Temperaturbereich: Mindestens bis 70°C, idealerweise bis 80°C (für Nylon und PC) - Spulendurchmesser: Die meisten Trockner passen für Standard-Spulen bis 1kg. Für 2-3kg-Spulen braucht ihr größere Modelle. - Durchführung: Eine Filament-Durchführung ist Pflicht, damit ihr während des Trocknens drucken könnt. Das spart enorm Zeit. - Hygrometer: Eingebautes Hygrometer zeigt euch die aktuelle Luftfeuchtigkeit in der Kammer. Unter 15% relative Feuchtigkeit ist euer Filament trocken.
Die richtige Lagerungsstrategie
Hier ist der Plan, den wir euch empfehlen, aufgeteilt nach Dringlichkeit:
Sofort-Maßnahmen (kostet fast nichts): 1. Jede angebrochene Filament-Spule nach dem Drucken sofort in einen Ziplock-Beutel oder Vakuumbeutel mit Silica-Gel packen 2. Neue Filament-Verpackung erst öffnen, wenn ihr das Material wirklich braucht 3. Die mitgelieferten Silica-Gel-Beutel AUFHEBEN und im Backofen regenerieren
Mittelfristig (20-50 Euro Investment): 1. Vakuumbeutel speziell für Filament kaufen (z.B. 3DJAKE Vakuumbeutel) 2. Silica-Gel-Vorrat mit Indikator anlegen (500g-1kg reicht für den Anfang) 3. IKEA SAMLA Box als Drybox zum Drucken einrichten
Langfristig (für Power-User mit 5+ Rollen): 1. Filament-Dryer anschaffen (SUNLU FilaDryer S2 oder Creality Space Pi) 2. Trocknen + Drucken aus dem Dryer als Standard-Workflow 3. Separate Drybox für Langzeitlagerung mit Hygrometer
Häufige Fehler bei der Filament-Lagerung
Fehler 1: "PLA braucht man nicht trocknen." Doch. PLA ist zwar weniger empfindlich als Nylon oder PETG, aber nach 2-3 Monaten offen an der Luft zeigt auch PLA deutliche Feuchtigkeitssymptome. Langfristig setzt sogar Hydrolyse ein, ein chemischer Zerfallsprozess der das Material unwiderruflich schädigt.
Fehler 2: Silica-Gel ohne Indikator verwenden. Gesättigtes Silica-Gel schützt nicht mehr. Ohne Farbindikator wisst ihr nicht, ob eure Trockenmittel noch arbeiten. Investiert in Silica-Gel mit Orange-Grün-Indikator.
Fehler 3: Reis als Trockenmittel. Nein. Ernsthaft, nein. Reis ist ein extrem ineffizientes Trockenmittel im Vergleich zu Silica-Gel. Außerdem kann Reisstaub in euren Extruder gelangen und die Düse verstopfen. Finger weg.
Fehler 4: Filament-Spulen im Keller lagern. Keller haben oft 60-80% relative Luftfeuchtigkeit. Das ist das Worst-Case-Szenario für Filament-Lagerung. Selbst in Vakuumbeuteln ist das riskant, weil kein Beutel 100% luftdicht ist. Lagert euer Filament in einem trockenen Raum mit normaler Raumtemperatur.
Fehler 5: Zu heiß trocknen. Gerade bei PLA passiert das oft. Die Glasübergangstemperatur liegt bei ca. 60°C. Trocknet ihr bei 65°C im ungenauen Backofen, habt ihr statt einer runden eine ovale Spule. PLA immer bei maximal 50°C trocknen, eher 45°C.
Zusammenfassung: Der Filament-Lagerungs-Spickzettel
| Material | Empfindlichkeit | Lagerung (Ziel-RH) | Trocknung (°C / Stunden) | |----------|----------------|--------------------|-----------------------| | PLA | Niedrig | < 30% RH | 45-50°C / 4-6h | | PETG | Mittel | < 25% RH | 60-65°C / 4-6h | | ABS/ASA | Niedrig-Mittel | < 25% RH | 75-80°C / 4-6h | | TPU | Hoch | < 20% RH | 50-55°C / 4-8h | | Nylon (PA) | Extrem hoch | < 15% RH | 70-80°C / 8-12h | | PC | Mittel | < 20% RH | 80-85°C / 6-8h |
RH = Relative Humidity (relative Luftfeuchtigkeit)
Unser Fazit: Filament-Lagerung klingt nach einem Nebenschauplatz, ist aber einer der wichtigsten Faktoren für konsistente Druckqualität. Die gute Nachricht: Die Grundlagen kosten fast nichts (Ziplock-Beutel + Silica-Gel). Wer regelmäßig druckt, sollte sich über kurz oder lang einen Filament-Dryer gönnen. Es ist eine Investition die sich innerhalb weniger Wochen bezahlt macht, weil ihr weniger Fehldrucke produziert und euer Filament deutlich länger hält.